Unsere Reise nach «Kube» – Ein Blick in die Zukunft der Beurteilungskultur
«Kube» – ist das eine neue Reisedestination? Mit einer gewissen Neugier, aber auch Skepsis machte ich mich am Mittwochmorgen, 6. Mai 2026, gemeinsam mit rund 750 Lehrpersonen und Schulleitungen in der Sekundarschule Gais auf den Weg zu diesem noch unbekannten «Gebiet». «Kube» ist kein geografischer Ort, sondern steht für «Kompetenzorientiert unterrichten und beurteilen» – ein kantonales Projekt zur Weiterentwicklung des Lehrplans 21 hin zu einer lernförderlicheren Beurteilungskultur.
Bisher war mir «Kube» weitgehend unbekannt, was mich zugegebenermassen noch verunsicherte. Ab Juli soll eine neue Zeugnisart erscheinen und Noten abgeschafft werden? Doch diese Skepsis legte sich rasch. Bereits zu Beginn der Veranstaltung wurde deutlich, mit welcher Überzeugung viele Beteiligte hinter der neuen Beurteilungsform stehen. Immer wieder wurde betont, dass Noten Druck erzeugen und Vergleiche unter Schülerinnen und Schülern verstärken, anstatt die Lernfreude zu fördern und Neugier zu wecken. «Kube» will genau hier ansetzen: Lernen soll wieder in Zentrum rücken, unterstützt durch Lerndialoge. Das soll sich wiederum positiv auf die Motivation auswirken. Durch die Beurteilungsreform wird zudem die schon lange pendente Angleichung des Zeugnisses an die Kompetenzen des Lehrplans 21 angegangen. Susanne Metzger, Vorsteherin Departement Bildung und Kultur, unterstrich die Bedeutung dieses Wandels. Sie sieht darin für den Kanton Appenzell Ausserrhoden die Chancen, mit diesem Leuchtturmprojekt eine Vorreiterrolle in der Beurteilungskultur einzunehmen.
Nach einem Referat von Prof. Dr. Michael G. Festl zum Thema «Schlechte Noten für Kevin. Philosophische Überlegungen zur Chancengerechtigkeit» wurde beim gemeinsamen Mittagessen noch rege über «Kube» diskutiert: Was bedeutet das für unsere Praxis? Wie werden die Eltern informiert? Wie setzen wir all dies effizient um? Wir waren überzeugt, dass sich das Projektteam selbst bereits intensiv mit diesen Fragen auseinandersetzt(e) und uns zum gegebenen Zeitpunkt instruieren wird. Bis zur konkreten Umsetzung im Schuljahr 2028/29 bleibt schliesslich noch genügend Zeit.
Dass ein solches Projekt wie jede mehrjährige Reise eine sorgfältige Vorbereitung erfordert, zeigt ein Blick zurück: Bereits im September 2024 trafen sich für den Austausch ihrer Sichtweise rund siebzig Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlichster Anspruchsgruppen – von Schülerinnen und Schülern über Lehrpersonen bis hin zu Vertretungen aus Wirtschaft und Gemeinden. Auch Urnäsch war mit Marco Koller und Raphaela Vogel vertreten.
Am Nachmittag teilte sich die Gruppe in 52 verschiedene, zyklusspezifische Workshops auf. Ich selbst durfte mich mit der Sichtbarmachung von Lernprozessen, Feedbackinstrumenten und Lerncoaching auseinandersetzen. Besonders wertvoll waren auch die zahlreichen Hinweise auf unterstützende Materialien wie Bücher, Lernjournals und Kartensets. Ich freue mich darauf, die neuen Erkenntnisse schrittweise in meinen Unterrichtsalltag einfliessen zu lassen und mich so «Kube» nach und nach anzunähern.
Auf dem Heimweg liess ich den Tag Revue passieren. Eine zentrale Frage blieb: Bereiten wir unsere Schülerinnen und Schüler mit solchen Ansätzen ausreichend auf die Zukunft vor? Die Worte von Susanne Metzger gaben mir hierzu die Antwort: Auch im späteren Berufsleben werden weder in den Gesprächen mit Mitarbeitenden noch im Arbeitszeugnis Noten genannt. Im Vordergrund stehen Dialoge. Fortschritt entsteht schliesslich dort, wo wir den Mut haben, etwas auszuprobieren – so auch auf unserer Reise nach «Kube».